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DEFTONES - Bassist Chi Cheng im exklusiven Interview!

Die DEFTONES haben es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt. Mit ?White Pony?, ihrem 2000 erschienen dritten Album schlug die Band einen neuen Weg ein, nach zwei krachigen Rockalben waren die Kalifornien an der Türschwelle eines gänzlich eigenen Sounds angelangt. Dieser war von tiefen Emotionen gezeichnet, zu krachigen Gitarren gesellten sich Klangstrecken, die subtil und sehr atmosphärisch waren. Und es kam so, wie es kommen musste: Die DEFTONES wuchsen mit dem Album rasant, tourten kontinuierlich rund um den Globus und bauten ? nicht zuletzt ? hohe Erwartungen an ihr Folgewerk auf. ?S/T?, der ?White Pony?-Nachfolger, war ein erster Fingerzeig auf die in der Band angewachsenen Probleme: Ein lautes und bei weitem nicht so ausdifferenziertes Album wie sein Vorgänger. Was dem folgte, das wünschte man keiner Band. Chino Moreno (Gesang/Gitarre), Abe Cunningham (Drums), Stephen Carpenter (Gitarre), Frank Delgado (Turntables) und Chi Cheng (Bass) schlitterten in eine handfeste Krise, die die Band an den Rand der Implosion brachte. Dass jetzt ?Saturday Night Wrist?, das neue und fünfte reguläre Studioalbum der Band erscheint, hat die Band selbst zwischenzeitlich nicht für möglich gehalten. Dass es erscheint, ist umso erfreulicher, denn da, wo ?White Pony? aufhörte, setzt ?Saturday Night Wrist? an.

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Das neue Meisterwerk der DEFTONES: Saturday Night Wrist


Das Album steckt voll von tollen Wechselspielen der Emotionen. Von tragenden Momenten in ?Hole in the Earth? über düstere, harte Parts, bis hin zu ?Pink Cellphone?, einem Trip Hop getriebenem Instrumental. Mithin liegt hier eines der Rockalben des Jahres vor, dessen Atmosphären packend sind und das diese Band auf einem neuen Level präsentiert. Chi Cheng nahm sich in Berlin die Zeit, um im Rahmen eines Promotion-Tages mit PETA2 über die Krisenzeit der Band, ihr neues Album und Tierrechte zu sprechen:

Chi, ?Saturday Night Wrist? ist ein tiefemotionales Album, das wie ein musikalischer Befreiungsschlag nach einer schweren Lebensperiode wirkt. Gab es in den drei Jahren, die zwischen eurem selbst betitelten Album aus 2003 und ?Saturday Night Wrist? lagen, Punkte, an denen Du die DEFTONES ihrem Ende nah sahst?
Seit je her arbeiten die DEFTONES nach einem Prinzip: Damit wir einen Song, ein Video oder ein Album veröffentlichen, muss uns er bzw. es uns wirklich gut gefallen. Das klingt simpel, ich weiß. Im Entstehungsprozess von ?Saturday Night Wrist? erwies sich dieses Kriterium als ein Hindernis, dessen Ausmaß wir uns nicht zu erträumen wagten. Es zeichnete sich ab, dass wir fünf Bandmitglieder nicht auf einer Wellenlänge waren, was unseren Willen und unsere Dedikation zur Erstellung eines neuen DEFTONES-Albums anging. Chino wirkte so, als sei er nur mäßig daran interessiert, ein Album auf zu nehmen. Sein Kredo vor den Aufnahmen war: ?Hey, lass uns das Album fertig machen, dann gehe ich mit TEAM SLEEP auf Tour?. TEAM SLEEP ist seine zweite Band und es ist wichtig, dass er sich auch neben den DEFTONES kreativ auslebt. Aber es wirkte in dem Moment so, als wären die DEFTONES Nummer zwei. So, als wolle er eben schnell ?Saturday Night Wrist? fertig stellen, um mit TEAM SLEEP touren zu können. Es kam, was kommen musste: Das Album wurde nicht fertig, Chino musste aber aufgrund der bereits gebuchten TEAM SLEEP-Konzerte auf Tour gehen. Es war ein Tourmonat geplant, die Tour dehnte sich aus und so dauerte es schließlich ein halbes Jahr, ehe er nach Kalifornien zurückkehrte. Dies war der Punkt, an dem wir alle sauer wurden. Versteh mich nicht falsch, wir lieben Chino, er ist unser Sänger und gehört zu den DEFTONES wie wir vier anderen seit 18 Jahren auch. Zu diesem Zeitpunkt steckten wir aber schon tief in der Krise. Dies war der Punkt, an dem ich die DEFTONES zum ersten Mal schwinden sah. Und ab dann hatte ich jeden Tag das Ende dieser Band vor Augen. Glaub mir, dieses Gefühl hat mich fertig gemacht, es ging mir durch Mark und Bein.

Wie habt ihr die Situation gelöst?
Wenn du so willst, haben wir mit der Lösung sehr formell begonnen, wurden aber schnell informeller und herzlicher bis wir als Menschen wieder zueinander gefunden hatten. Zuerst gab es ein Meeting zwischen uns, unserem Management und unserem Label, Maverick/Warner Music. Chino kam auch hier zweieinhalb Stunden zu spät und hatte den Zorn des Managements auf sich gezogen. Ich glaube, sie sahen ihn damals an einem Punkt, an dem sie nicht mehr daran glaubten, mit ihm arbeiten zu können. Wie dem auch sei, bei dem Meeting sagte ich ihm, dass wir ihn alle in unsere Herzen geschlossen haben und dass er sich in einer schweren Lebenssituation stets an uns wenden kann, weil wir seine Freunde, seine im übertragenden Sinne Brüder sind, die mit ihm durch dick und dünn gehen. Ich sagte ihm auch, dass ich es verstünde, wenn er mit den DEFTONES jetzt und auf der Stelle aufhöre, dass wir alle aber endlich wissen wollen, was Sache ist und ob es noch eine Perspektive für die Band gibt.

Wie hat er reagiert?
Er war verblüfft, er sagte, dass er davon ausgegangen sei, dass wir auf der Suche nach einem neuen Sänger seien und mit jedem nur nicht mit ihm ein neues Album machen wollten. Da wurde es fast ironisch denn, hey, wir haben zweieinhalb Stunden auf ihn gewartet, um die Situation endlich zu klären und an dem Album zu arbeiten. Was ich ihm auch ins Gesicht sagte.

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Sweetheart: Chi Cheng

Das klingt fast wie ein einfaches Ende einer dramatischen Geschichte.
Stimmt, das Ende der Geschichte, um einmal deine Worte zu benutzen, war aber noch nicht erreicht. Denn nach dem Meeting war zwar der Samen für das neue DEFTONES-Album gelegt, das Album aber noch nicht fertig. Im Laufe des Entstehungsprozesses mussten wir noch zahlreiche Ungleichgewichte austangieren und das eine oder andere Problem lösen. Maverick hatte uns fast abgeschrieben, entzog uns Geld, gab wieder Geld, wollte, dass wir mit diesem und jenen Produzenten arbeiten. Und eine solche Behandlung ist extrem kritisch für die DEFTONES. Wir sind eine Band, die alleine gelassen werden muss, wenn sie an einem Album arbeitet. Sobald wir in ein Korsett aus Anweisungen gezwungen werden, funktionieren wir nicht mehr.

Ihr gehört zu den erfolgreichsten Rockbands der USA, wir sitzen hier in einem der teuersten Hotels der Stadt und sprechen miteinander auf Kosten eures Labels. Du willst mir nicht wirklich sagen, dass Du mit eurem Label unzufrieden bist, oder?
Oh nein, ich sprach über Maverick Records, wo wir vor ?Saturday Night Wrist? unter Vertrag waren und das früher ein eigenständiges Label war. Jetzt hat Warner Music, das bereits vorher Promotion und Vertrieb für Maverick machte, Maverick übernommen. So sind wir faktisch eine Warner-Band, selbst wenn Mavericks Logo noch auf unseren Alben zu sehen ist. Warner Music ist ein tolles Label, das uns bei der Bewältigung unserer Krise sehr geholfen hat. Warner versteht unsere Band. Und das ist der Grund, warum ich sie schätze.

Jetzt, da man vorsichtig sagen kann, dass ihr zumindest diese Krise überstanden habt, wie schätzt Du die DEFTONES in 2006 ein?
Ich denke, dass wir ein sehr, sehr gutes Album gemacht haben, das einen vorläufigen Peak unserer musikalischen Fähigkeiten darstellt. Dass es endlich fertig ist, ist ein unglaubliches Gefühl. Ich liebe dieses Album, wirklich. Dennoch, in dieser Band schlummert noch Potenzial und ich hoffe, dass wir es in Zukunft noch weiter entfalten können.

Würdest Du sagen, dass ?Saturday Night Wrist? emotionaler ist als eure ersten vier Alben?
Vielleicht, aber zu hundert Prozent zustimmen würde ich dem nicht. Denn Musik im Allgemeinen ist immer Ausdruck von Emotionen, so auch jeder bisher entstandene DEFTONES-Song. Auf allen Alben. Trotzdem haben wir bei diesem Album mehr denn je versucht, unsere Emotionen eins zu eins in die Songs zu übertragen. Sprich wir haben die Stücke bzw. einzelne Songideen, die wir hatten, einfach gespielt und geschaut, wie wir aus einzelnen Passagen Songs formen konnten, ohne über sie nach zu denken. Wir haben uns vom Vibe der Musik leiten lassen, um es anders aus zu drücken. Später, als das Gerüst der Songs stand, haben wir noch an den Details der Songs gearbeitet und sie verfeinert. Der grobe Guss aller Stücke entstand aber aus puren Emotionen und gerade nicht einer gedanklich geleiteten Herangehensweise. Zudem hat jeder von uns an den Stücken für dieses Album mitgeschrieben. Von allen fünf Bandmitgliedern ist also Herzblut in die Stücke eingeflossen, so dass jeder Song für sich schon eine Explikation verschiedener Eindrücke und Emotionen ist.

Habt ihr schon immer gemeinsam an den Songs geschrieben?
Nein, nimm ?S/T? aus 2003 als Beispiel. Bei den Songs des Albums habe ich fast gar nicht am Songwritingprozess partizipiert. Damals ließ ich mich gerade von meiner Frau scheiden, was mich völlig aus dem inneren Gleichgewicht brachte und jegliches kreative Denken blockierte. Daher war es mir auch unmöglich, zu den Songs etwas bei zu tragen.

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Die Krise überstanden: die DEFTONES

Gibt es denn generell eine Person bei den DEFTONES, die für die Musik hauptverantwortlich ist, die mehr über die Songs zu sagen hat als die anderen?
Da muss man zwischen den Songs, und dem, was sie umgibt, trennen. Die Songs müssen wie eingangs erwähnt uns allen gefallen. Folglich kann sich hier keiner von uns über die Meinung der anderen hinweg setzen und Hauptverantwortung in diesem Sinne übernehmen. Bei dem, was die Songs umgibt, also bei der Frage nach der Reihenfolge der Songs auf den Alben oder zum Teil doch auch bei den Texten, ist Chino der Herr im Hause. Und er ist sehr pingelig was all dies angeht. Da brauchst du gar nicht mit mittelmäßigen Vorschlägen ankommen, das schmettert er ab. Einmal fragte er mich, ob ich ihm beim Festlegen der Songabfolge helfen würde. Klar tat ich das, ich legte ihm meinen Vorschlag vor, er sah ihn sich an und sagte: ?Hey Chi, das ist geil!?. Eine halbe Minute verging und er wieder: ?warte, es gefällt mir doch nicht?. Das ist manchmal frustrierend, aber so ist er. Es ist nicht so, dass er Vorschläge anderer nicht Wert schätzen würde. Er nutzt sie aber oft nur als Inspiration, um etwas Eigenes daraus zu machen. Aber noch mal, ich liebe diesen Jungen, wie die anderen vier ist er wie ein Bruder für mich. Und wir alle haben unsere Eigenarten. Das, was ich über ihn sage, ist nicht als Angriff gemeint.

Für eure 2005 erschienene B-Seiten- und Raritäten-Kollektion habt Ihr ?If only tonight we could sleep? von THE CURE gecovert. Wie kamt ihr dazu?
Pheew, dass du diesen Song ansprichst, ist interessant. Mit diesem Song verbinde ich Momente, die mich nervlich extrem aufgerieben haben. Es war bei der MTV Show ?Icon?. In jeder Episode dieser Show wird eine Musiklegende geehrt, beispielsweise eben THE CURE. In der Show treten dann Bands auf, die Stücke der Legende covern und die Geschichte der Band wird reflektiert und so weiter. Jedenfalls spielten wir bei MTV ?Icon? zu THE CURE also ?If only tonight we could sleep? und Robert Smith und die anderen Mitglieder von THE CURE saßen in der ersten Publikumsreihe. Ich bin völlig durchgedreht, so nervös war ich. Denn diese Band ist toll und ein Stück solch? ehrwürdiger Musiker in deren Gegenwart zu spielen, da geht mir der Arsch auf Grundeis. Die Geschichte darum, wie wir den Song ausgewählt haben, ist dagegen halb so spannend: MTV gab uns eine Liste von THE CURE-Songs, die wir hätten covern können. Wir lehnten ab, weil wir nur ?If only tonight we could sleep? spielen wollten. THE CURE beschwerten sich sukzessive bei MTV und forderten die Redaktion der Show auf, uns ?If only tonight?? spielen zu lassen. So taten wir es und es kam zu diesem nervenaufreibenden Auftritt.

Kannst Du andere Momente Deiner Musikerkarriere benennen, die Dich besonders berührt haben?
Ich bin mit Punkrock aufgewachsen, habe in den 80ern auch selber in einer Punkrockband gespielt und bis heute liebe ich die energischen, frühen 80er Punkrock- und Hardcore-Bands. Dementsprechend bin ich ein großer BAD BRAINS-Fan. Für mich ist dies die essentielle Punkband: Alle Mitglieder sind schwarz, sie spielten Punk seit den 70ern und als diese Band einmal sagte, dass wir, die DEFTONES, ihre legitimen Erben wären, ehrte mich das sehr. Dies war ein sehr berührender Moment in meinem Musikerleben.

Außer Musik ? mit was setzt Du Dich in Deinem Leben noch auseinander?
Mit nicht besonders vielen Dingen, da die Band gerade jetzt wo wieder lange Tourneen anstehen, d asmeiste meiner Zeit in Anspruch nimmt. Dennoch verbringe ich soviel Zeit wie möglich mit meinem Sohn und mit meiner neuen Frau. Früher, bevor es mit den DEFTONES richtig losging, habe ich mich außerdem viel mit Physik und Naturwissenschaften beschäftigt.

Dann ist die Tierversuchs-Thematik auch nicht an Dir vorbei gegangen?
Ganz gewiss nicht. Gerade vor dem Wissenshintergrund, den ich durch meine Auseinandersetzung mit Physik und anderen Naturwissenschaften erlangte, zeigt sich mir wie unnötig und verabscheuungswürdig diese Praktiken sind. Einerseits ist da die Behandlung von Tieren in Tierversuchslaboren, die ich eklig finde. Wie kann man Lebewesen nur so herablassend behandeln, wie es dort getan wird? Andererseits ist da dieser Lügenteppich, mit dem Tierversuche im öffentlichen Leben gerechtfertigt werden: Es wird doch immer angeführt, dass die Versuche an Tieren nötig seien, um wissenschaftlichen Fortschritt zu erlangen. Das ist Bullshit! Erstens sind die durch Tierversuche erlangten Ergebnisse nicht verlässlich, weil Wirkungsweisen bestimmter Stoffe in Tierorganismen nicht den Wirkungsweisen der Stoffe im menschlichen Organismus gleichen. Zweitens gibt es genügend alternative Testmethoden, die Versuche an Lebewesen überflüssig machen. Ich verstehe nicht, warum fundierte wissenschaftliche Kenntnis nicht längst dazu geführt hat, dass Tierversuche abgeschafft werden. Genauso halte ich Massentierhaltung für verabscheuungswürdig. Sie spiegelt eine ebenso herablassende und rein Nutzen orientierte Haltung des Menschen gegenüber Tieren dar, die kein vernünftig denkender Mensch gegenüber irgendeinem Lebewesen zeigen sollte. Durch Fleischkonsum reproduziert man diesen industriellen Zyklus, der Tiere zu einem schrecklichen Leben zwingt. Immer und immer wieder. Und davon möchte ich kein Teil sein, weswegen ich seit 18 Jahren kein Fleisch mehr angerührt habe.

Hältst Du denn Aufklärung für wichtig?
Auf jeden Fall. Trotzdem sollte man hier vorsichtig sein, denn ich denke, dass in der Dezenz der Erfolg schlummert. Wenn Du jemandem ins Gesicht schreist, dass er ein schlechterer Mensch ist, weil er Fleisch isst, kommst Du nicht weit. Derjenige, den Du anschreist, wird sich doch denken, ?jetzt erst recht?. Aber wenn Du Dich als jemand repräsentiert, der der Unterstützung der Fleischindustrie abgeschworen hat, und dies nach außen vertrittst, ohne aber jemanden damit an zu greifen und zu bewerten, kommst du in meinen Augen sehr weit. Denn andere Menschen werden Interesse an Dir, Deinen Werten und Deiner Ethik finden. Allein schon dadurch werden sie einen intensiven Zugang zur Tierrechts-Thematik finden.

Chi, vielen Dank für dieses Gespräch.

Dich interessiert, warum Thomas D., Kool Savas, Morrissey, Eva Briegel von JULI, Mike Ness von SOCIAL DISTORTION, Andy von CALIBAN und die Jungs von RISE AGAINST überzeugte Vegetarier sind? Warum sich MY CHEMICAL ROMANCE und Ben von BILLY TALENT Gedanken über Tierrechte machen? Warum sich P!nk für die Tiere einsetzt und AS I LAY DYING gegen Pelze sind? Dann check doch mal unsere FAQS zu den Themen Vegetarismus, Pelze und Tierrechte. Leckere vegetarische Rezepte findest Du hier. Wenn Du weitere Fragen hast, schreib' uns einfach fix an: admin@peta2.de.

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