
GOOD RIDDANCE - Eine der größten PETA2-Supporter Bands!
Er gehört zu den ?World Sexiest Vegetarians? des Jahres 2005, wurde an dieser Stelle bereits früher ausgefragt und ist mit seiner Band Good Riddance seit Jahr und Tag eine Säule des politisch motivierten Melodic Hardcore. Das neue Album ?My Republic? enthält nicht nur das bekannte PETA-Video ?Meet Your Meat?, sondern zeigt die Band wieder in eingängigerem Licht. Zeit für ein kleines Update über Veganismus, Ideale, alte Vorbilder und die fiese Musikindustrie.
Ihr habt eurem neuen Album ?My Republic? das Video ?Meet Your Meat? beigelegt, dass die barbarischen Praktiken der industriellen Schlachthöfe zeigt. Wie reagierst du selbst auf solche drastischen Bilder?
Ich selbst bin seit langem Veganer und insofern war das nichts, was ich noch nie gesehen hätte. Es regt einen auf und ist kaum zu ertragen. Ich glaube wirklich, dass die meisten Menschen relativ intelligent und mitfühlend sind. Nimmt man diese Merkmale als gegeben an und konfrontiert die Leute mit der bitteren Wahrheit darüber, in was wir involviert sind, wenn wir Fleisch konsumieren, wird das viele Menschen zu einer Änderung ihres Verhaltens anregen. Damit dieses komplett überflüssige und brutale Geschäft der Quälerei und Tötung von Tieren funktionieren kann, erfordert es eine gigantische Verdrängungsleistung. Sobald du mit dem, was du da anrichtest, konfrontiert wirst, stehen die Chancen gut, dass du dich dagegen entscheidest.
Wann und wie wurdest du überzeugt?
In den späten 80ern, durch diverse Straight Edge-Bands. Damals war Veganismus noch kein selbstverständlicher Teil des Straight Edge-Ethos, was viele nicht wissen. Es gab nur wenige Bands, die darüber sangen, so etwa Youth Of Today, die Cro-Mags oder Insted. Ich hörte zu, was sie zu sagen hatten, weil ich sie mochte und ein Freund empfahl mir zugleich das Buch ?Diet For A New America?. Das hat mein Leben verändert. Alles in diesem Buch öffnete mir die Augen dafür, wie unsere Kultur und Erziehung uns auf blinden Konsum trainiert. Ich fühlte mich belogen. Wir treffen wichtige Entscheidungen mit viel zu wenig Informationen. Daher wünsche ich mir, dass alle sich das Video auf der Platte ansehen und danach selbst entscheiden. Ich denke nicht, dass jeder Veganer sein sollte oder dass man den Leuten vorzuschreiben hat, wie sie zu leben haben. Aber die Menschen haben ein Recht darauf, ihre Entscheidungen auf der Basis aller Hintergründe zu treffen.
Wie reagierst du auf Leute, die sich das ansehen und dennoch sagen: Ich kann und will mein Verhalten nicht ändern?
Ich respektiere ihre Entscheidung. Es ist gefährlich, intolerant und selbstgerecht zu werden. Ich habe damals selbst Fleisch gegessen, ich bin nicht besser als jeder andere. Wir haben unseren Job gemacht, wenn das Video irgendetwas bewirkt; sei es, dass die Leute über Nacht Vegetarier werden, sei es, dass sie sich erst mal tiefer in die Materie reinlesen wollen. Bei Good Riddance ging es immer darum, aufzuklären, ohne es den Leuten in den Rachen zu stopfen.
War es daher damals auch eine bewusste Entscheidung, den Melodic Hardcore von Good Riddance eingängiger und freundlicher klingen zu lassen als die Old School-Bands, die dich selbst beeinflusst haben?
Ich denke, das war kein bewusster Plan. Alles passierte, wie es eben passierte. Für mich, der immer schon mit der politischen Seite des Punkrock sympathisierte, war von Beginn an wichtig, dass die Band eine soziale und politische Ästhetik haben sollte. Wir wollten keine Partyband sein. Was wir aber auch nicht wollten, war eine Strenge und Schärfe in unserer Message, die einen Großteil der Hörer ausgrenzen würde. Es ging immer um die Balance, einerseits relevante soziale und politische Bemerkungen zu machen und andererseits live ein Vergnügen zu sein. Uns selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Wer uns jemals live gesehen und unseren Bassisten Chuck in Aktion erlebt hat, wird zugeben, dass es schwer ist, uns allzu ernst zu nehmen. (lacht) So haben die Leute Spaß an der Show und gehen danach zum Infostand, um zu sehen, was wir zu sagen haben. Weil sie uns mögen, werden sie neugierig auf Themen, die uns bewegen. Wir bekommen großartige Resonanz von Hörern, die über uns etwa auf PETA gekommen und zu Vegetariern geworden sind. Es begeistert mich bis heute, so einen Einfluss haben zu können. Das ist es, was ich an Punk immer liebte: Über reine Unterhaltung hinaus zu gehen und bedeutenden sozialen Wandel hervorzurufen, in dem man die Menschen auf einer ganz persönlichen Ebene berührt. Denn dort startet jede Veränderung.
Und die Melodien helfen dabei?
Ja. ]Propagandhi machen es noch viel besser als wir. Diese großartigen Ohrwürmer mit diesen beißenden, unausweichlichen Texten. Sie sind die Meister in dieser Disziplin.
Wobei sie in ihrem Ethos weit dogmatischer und strenger vorgehen als ihr. Sie verweigern vielen Medien Interviews, sie hassen das moderne, große Punkrock-Business und die Tatsache, dass Punk so populär geworden ist. Das trifft auf euch doch nicht zu, oder?
Ich fühle größtenteils genauso wie sie. Es ist verrückt, in meinem Alter und mit meiner Erfahrung in so einer Band zu sein, denn im Prinzip entscheide ich mich dafür, innerhalb eines Systems zu funktionieren, das mich zu 90% anwidert. Ich bin nur ein Mitglied von Good Riddance, es ist nicht meine Band, wir treffen demokratische Entscheidungen. Entscheiden sich die anderen für ein Tour-Angebot, das ich ablehnen würde, nehmen wir es an. Bands wie Propagandhi oder Fugazi sind im Gegensatz dazu fähig, vollkommen an ihren Idealen festzuhalten, niemals abzuweichen und sich nicht darum zu kümmern, was andere denken. Das macht aber nichts, wenn ihre Songs so catchy sind, dass die Leute sie mitsummen, bis sie bemerken: Hey, in dem Lied geht es ja um sozialen Wandel und wie ich ihn mit herbei führen kann.
Bedeutet das, dass du nichts von dem Konzept hältst, dass revolutionäre Musik auch revolutionär und anders klingen und den Hörer herausfordern muss? Punkrock ist schließlich nicht mehr herausfordernd. Bist du in dem Punkt nicht daran interessiert, die Leute zu irritieren?
Doch, aber es wäre falsch, Good Riddance als Vehikel für Experimente zu benutzen. Wir haben jetzt acht geradlinige Platten gemacht und jeder, der ?My Republic? hört, wird es sofort als Good Riddance erkennen. Das radikal zu ändern und den Namen zu behalten, wäre nicht richtig. Zugleich habe ich tiefen Respekt vor Bands wie Fugazi, die mit Gitarre, Bass und Schlagzeug etwas wirklich Neues und anderes gestaltet haben, das eben nicht nur Lärm war. Viele experimentelle Bands hacken in der Garage an Musik herum, die sie wie eine Matheformel aufbauen. Das ist auch neu und anders, interessiert mich aber nicht. Fugazi haben die Musik dabei interessant gehalten. Das ist eine Kunst für sich.
Wenn man so viele Jahre geradlinig denselben Stil verfolgt, ist es dann nicht schwer, das Feuer und die Leidenschaft zu bewahren?
Für mich nicht, für die anderen vielleicht. Unser Gitarrist Luke studiert ?hauptberuflich? und hört in seiner Freizeit kaum Punk. Steht er auf der Bühne, kann er aber sofort wieder an dieses Gefühl anknüpfen. Ich hingegen bin täglich von Punk umgeben. Er hat zum großen Teil meine Gefühlswelt und meine Anschauungen geformt. Es ist das Natürlichste für mich, diese Musik zu machen.

Hardcore Institution: GOOD RIDDANCE
Ihr habt eine Entwicklung durchlaufen, die von sehr zugänglichen ersten Alben über sehr harte Platten zu neuerdings wieder eingängigeren Tönen geführt hat. Wie kommt das?
Wir tourten eine Zeit lang mit ?echten? Hardcore-Bands wie Sick Of It All und das färbte auf unseren Sound ab. Generell lassen wir uns gerne beeinflussen. Lifetime etwa sind ein großer Einfluss für uns, wie man auf unseren Spät-90er-Platten hören kann. Witzigerweise haben sie zugegeben, sich auf ihren neuesten Platten wiederum von uns beeinflusst haben zu lassen. Nehmen und geben. Bei ?My Republic? haben wir uns gesagt: ?Das wird jetzt unsere achte Platte, wir sind alle älter geworden, wir müssen wirklich eine gute Platte machen, die nicht nur eine Seite der Band widerspiegelt. Eine Quintessenz, die alles zusammenfasst, wofür wir stehen. Außerdem sollte es eine klassische California Punk-Platte in der Tradition der Bands werden, die ich als Jugendlicher gehört habe: D.I., Adolescents, T.S.O.L., Black Flag, Bad Religion, diese Bands. Will sagen: Viel Midtempo, viel rechtes Becken, viel Melodie, aber nicht fröhlich. Eine dunkle Art von Eingängigkeit. Viele Bands glauben, es müsse leicht und profan werden, wenn es melodisch ist. Dabei gelang es Bands wie T.S.O.L. wirklich hinreißende Melodien zu schreiben und zugleich düster und ominös zu klingen. Das hat mich immer angezogen. In diesem Sinne halte ich ?My Republic? für ein düsteres Album, auf dem jeder Song einen guten Hook hat.
Gab es in all den Jahren der Tournee-Routine Momente, die herausstachen?
Konkrete Einzelereignisse kann ich nicht benennen, aber ich empfinde bis heute eine generelle Euphorie bezüglich der Tatsache, dass wir mit all den Bands touren können, die wir selber bewundern und global so eine Wirkung erzielen können. Es gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück, dass viele Hörer sich den Glauben bewahrt haben, die Welt verändern zu können, da sie über die Musik und die Szene bemerkt haben, dass sie nicht allein sind. Das baut auf.
Du erlebst die junge Generation also doch recht positiv. Ein Song wie ?Torches And Tragedies?, in dem es darum geht, wie die Söhne die Fehler der Väter wiederholen, könnte ja auch auf das Gegenteil hindeuten...
Ich habe eine positive Sicht auf das Potential der Kids. Lange Zeit dachte ich, dass Punk relevant war und musste dann Ex-Punks beobachten, die zu Polizisten wurden oder Ähnliches. Heute, wo Punk ein Werkzeug der Kulturindustrie geworden ist, ist es noch schlimmer. Als ich an Punk geriet, war er nicht populär. Es war charakterbildend. Du musstest es wirklich wollen, dich durch obskure Plattenläden wühlen, per Post Tapes tauschen. Du wurdest in der Schule oder auf der Straße verprügelt; die Shows fanden an Orten statt, die deine Eltern dir verboten, du musstest dich hinaus schleichen. Heute ist Punk ein Nachmittag in der Shopping Mall. Es gestaltet nicht denselben Charakter wie damals und zieht auch nicht dieselben Typen an. Andererseits bietet das Internet größte Chancen, neue Gemeinschaften zu bilden und unzensiert Informationen zu tauschen. Unsere Generation hat das Potential, sehr effektiv Probleme anzugehen und Punk und Hardcore kann darin immer noch eine Rolle spielen. Mein Interesse an Politik entsprang damals teilweise als direkte Konsequenz aus dem Hören von Bands wie den Dead Kennedys, Crass oder Conflict.
Welch größeren Kontrast zu kalifornischem Punkrock kann es geben als Crass?
Kommt drauf an, was man darunter versteht. Ich denke, ?Californian Melodic Punkrock? ist eine europäische Erfindung. Die Kids in Europa haben diese Vision, wie wir alle in Baggy-Shorts am Strand herum hängen und dem ist nicht so. Viele Bands hier sind sehr politisch.
Es ging mir nicht darum, dass CaliPunk nicht politisch sei, sondern darum, dass Bands wie Crass mit ihrem sperrigem Sound heute niemals 50.000 Platten verkaufen und auf der Warped Tour spielen würden, selbst, wenn sie wollten.
Das sehe ich anders. Die Leute, die bestimmen, was ?gut? klingt, sind dieselben, die diese Bands signen. Wenn dir ein Major-Label wie Geffen oder Island gehört, hast du die Macht, zu bestimmen, wie der Sound der Stunde klingt.
Du glaubst wirklich, dass ein Manager mit der entsprechenden Macht eine derart unzugängliche Band wie Crass populär machen könnte?
Ja. Punkrock war Jahre lang eine Gegenkultur abseits der Medien. Heute ist es eine Konsumkultur und unterliegt den Regeln der Kulturindustrie. Tausende von Kids warten darauf, dass ihnen jemand sagt, wer ihre nächste Lieblingsband sein wird. Wenn jemand ihnen dann irgendeinen grauenhaften Industrial-Mist vorsetzt, kann er in 6 Monaten Tausende von Kids davon überzeugen, dass das cool ist. Schau doch nur zurück in die Popgeschichte. Heute erzählt MTV mir, dass diese oder jene schreckliche Band wichtig und cool sei. Dieselben Leute wollten mir vor gar nicht allzu langer Zeit Bon Jovi oder Whitesnake als wirklich wichtige Bands andrehen. Das ist lächerlich. Die Industrie erschafft die Bedürfnisse, die sie dann befriedigt. Ich war damals froh, dass MTV sich nicht für meine Musik interessierte, denn es ging ihr besser ohne es.
Zum Schluss noch einmal zu stilvolleren populären Künstlern, die ihre Bekanntheit ausnutzen. So bekannte sich Morrissey dieser Tage solidarisch mit den Aktionen militanter Tierbefreier, da Tierversuchsmediziner oder Pelzfarmer keine andere Sprache als die der Gewalt verstünden. Was hältst du davon?
Wir haben uns selbst schon an Benefizaktionen beteiligt, bei denen es darum ging, Geld für die Anwaltskosten militanter Tierrechtler zu sammeln, die verurteilt werden sollen. Ich selbst halte solche Aktionen für wenig sinnvoll, wenn sie im Stillen geschehen. Aktivismus benötigt ein großes Medienecho. Daher finde ich auch die Arbeit von PETA großartig, da sie immer eine massive Medienpräsenz erhalten. Ich war auf der 25-Jahres-Feier mit meiner Freundin, die damals noch Fleisch aß und sie war fasziniert davon, mit welcher Hingabe sich hier prominente Menschen aus Film und Musikindustrie zum Vegetarismus bekannten. Sie wurde noch in der gleichen Nacht Vegetarierin. Was militante Aktionen angeht, sind sie nicht mein persönlicher Weg, aber ich habe auch kein Problem damit, wenn andere ihn wählen.
Oliver Uschmann
Dich interessiert, warum Thomas D., Kool Savas, Morrissey, Eva Briegel von JULI, Mike Ness von SOCIAL DISTORTION, Andy von CALIBAN und die Jungs von RISE AGAINST überzeugte Vegetarier sind? Warum sich MY CHEMICAL ROMANCE und Ben von BILLY TALENT Gedanken über Tierrechte machen? Warum sich P!nk für die Tiere einsetzt und AS I LAY DYING gegen Pelze sind? Dann check doch mal unsere FAQS zu den Themen Vegetarismus, Pelze und Tierrechte. Leckere vegetarische Rezepte findest Du hier. Wenn Du weitere Fragen hast, schreib' uns einfach fix an: admin@peta2.de.


