
MONOCHROME - Marc Calmbach im Gespräch mit PETA2
Aus der Hardcore-Band Dawnbreed geboren, spielen Monochrome seit den späten 90ern feinen, brüchigen und zugleich hart zupackenden Indierock. Nach einer langen Tour zum exzellenten Album ?Eclat? spricht Sänger Marc Calmbach darüber, warum Musik sich ändern kann, ein Ethos aber nicht.
- Von Oliver Uschmann

Ist Vegetarier: Marc Calmbach von MONOCHROME.
PETA2: Du bist über den Hardcore zum Vegetarismus gekommen. Gab es da irgendwelche Schlüsselerlebnisse?
Marc: Keine konkreten Ereignisse, sondern die Sozialisationsqualität, die Hardcore hatte und hoffentlich immer noch hat. Das Thema Tierrechte war damals noch nicht so stark in der öffentlichen Debatte; man zog seine Informationen aus Fanzines oder den Beilagen von Single-Samplern. Veganismus war ein Teil der Authentizitätskriterien innerhalb der Szene, es gab einen regelrechten Bewusstseinshype. (lacht) Wir waren kaum ein halbes Jahr vegan, da besprühten wir als Jugendliche schon den Schlachthof in der Stadt X. Für unsere Eltern war das alles nur ein Spleen, eine Laune, die nach zwei Monaten vorüber sein würde. Aus den zwei Monaten sind 15 Jahre geworden.
In denen sich viel geändert hat. Allein schon die Entscheidung, Attitüde nicht mehr wie in Hardcore-Zeiten plakativ vor sich herzutragen.
Das habe ohnehin immer nur ich getan. In die Band selbst hat das nie Eingang gefunden und findet es heute erst recht nicht, da es für uns selbstverständlich ist. Wir reden nicht viel darüber. Eher reden wir über die, die wieder mit dem Fleisch essen angefangen haben. Wenn die hören, dass wir immer noch Vegetarier sind, gibt es die klassischen zwei Sätze:
- ?Oh, ich esse auch kaum Fleisch, nur ganz wenig.?
- ?Ich esse nur Fisch und ein wenig Geflügelwurst vom Bio-Bauern.?
Dann kommt man in ihre Küche, und was liegt da? Die Geflügelwurst vom Aldi.
Auf der musikalischen Ebene hat sich aber doch eine Menge seit den HC-Tagen geändert.
Sicher. Ein Freund sagte mal, Hardcore sei musikalisch total reaktionär geworden, aber das war er schon immer. Dennoch folgen wir definitiv nicht einem Trend, nach dem jede ehemals harte Band nun softer und weiser wird. Wir folgen der Intuition und du wirst uns trotz veränderter Stilistik immer heraushören. Selbst eine Band wie Sonic Youth klingt unverkennbar, ob sie nun mit Jim O?Rourke zusammen Experimente macht oder nicht. Es ist auch nichts verkehrtes daran, sich nur insofern zu verändern, als dass die eigene Färbung erkennbar bleibt.
Auf ?Eclat? gibt es zwischen Indie-Wohlkang und englischen Texten einen einzigen deutschen Satz, der wegen seiner Ausnahmestellung hervorsticht: ?Wir sind nicht Teil dieser Ordnung!? Ausgerechnet dieser Satz auf deutsch. War das ein Kommentar zur Debatte um Popnationalismus?
Aber wie! Uns ging diese Debatte sehr auf die Nerven, dieser unreflektierte Umgang mit Musik als ?deutschem Kulturgut? und all dieser Unsinn. Interessant war damals auch der umgekehrte Weg, als wir nur deutsch sangen und einen einzelnen französischen Satz einflochten. Die Franzosen waren begeistert: Mehr als diesen Satz brauchen wir nicht, sagten sie. Besonders erstaunlich waren auch die Tourneen in den USA. Die Amis verstanden nichts, aber es berührte sie trotzdem.
Darf man den Satz dennoch weiter gefasst verstehen? Inwiefern wollt ihr weiterhin nicht ?Teil dieser Ordnung? sein?
Es geht darum, Mittelmäßigkeit zu vermeiden. Das ist wie damals, wenn du einer Freundin eine Kassette aufgenommen hast. Wolltest du da hören, die Musik sei ?ganz nett?? Lieber sollte sie es furchtbar finden und man wusste schon, dass es dann nichts werden kann oder sie hörte das Band, bis es ausgenudelt war. Was nicht heißt, dass man im Umkehrschluss nur extreme Formen wählen muss.
Gibt es im aktuellen Hardcore noch Platten, die dich beeindrucken, gerade im anspruchsvollen Bereich?
Ich verfolge das nicht so fleißig. Eine Band wie Godspeed You Black Emperor! finde ich interessant, auch wenn ich sie mir zuhause nicht geben würde. Doch wenn ich lese, dass sie dem Conne Island per Plenumsbeschluss mal eben 2000 Euro spenden, beeindruckt mich das schon. Musikalisch würde es mir leichter fallen, mit dir über Ornette Coleman oder John Coltrane zu reden.
Du bist Free Jazz-Fan?
Ja. Das erste Mal Coltranes ?Ascension? zu hören, war für mich, wie das erste Mal Black Flag zu hören. Und das sage ich jetzt nicht als Musikwissenschaftler. Was diese Musik in mir auslöste, war unglaublich. Dieses Ungestüm und doch zugleich diese Ordnung. Nicht zu vergessen der politische Hintergrund Ende der 60er Jahre, ohne den diese Musik nicht zu verstehen ist.

Marc und seine Band: MONOCHROME.
Ich kann da nur für den Punk- und Hardcore-Bereich sprechen, in dem ein ökologisches oder linkes Bewusstsein generell häufiger vorkommt, welches die Tierrechte einschließt. Andersrum wundert man sich eher, wenn man Menschen besucht, die Fleisch essen, obwohl sie die gleiche Plattensammlung wie man selbst haben. (lacht) Bei Konzerten kommt das manchmal vor, dass die örtlichen Veranstalter für uns vegetarisch kochen und sich selbst danach die Bolognese in die Nudeln schmeißen.
Gibt es nationale Unterschiede im Umgang mit vegetarischen Wünschen?
In Spanien spielt Vegetarismus so gut wie keine Rolle. Besonders ausgeprägt ist es vielleicht in Belgien, in bestimmten Straight Edge-Hochburgen.
Stichwort Straight Edge und Hardcore. Du warst selbst Teil dieser Szene und schreibst zur Zeit an einer Doktorarbeit zu Hardcore und zur DIY-Kultur. Hardcore scheint ein Erfolgsmodell, wenn es darum geht, einen auch mal anstrengenden Ethos wie Veganismus/Vegetarismus in sein Leben zu lassen. Kannst du bestätigen, dass man besonders als junger Mann das I-Tüpfelchen von Aggressivität und ?gerechtem Zorn? braucht, damit man aufspringt?
Man kann es auch andersrum sehen: Die friedvolle Haltung gegenüber Tieren und ein gewisser Pazifismus sind dafür verantwortlich, so eine Entscheidung zu treffen. Ich persönlich wollte durch meine Musik niemals Aggressionen abbauen. Aggression ist auch das falsche Wort, Frustration wäre besser.
Ich frage so suggestiv, weil der moderne Hardcore seinen Reiz doch sehr stark aus ausgelebter Aggression zieht. Man tobt sich aus. Sind die Unterschiede zwischen dem frühen Hardcore und der Gegenwart so stark?
Als wir damals Hardcore hörten, war es sehr nah an Punk. Heute ist er nah am Metal. Für meine Doktorarbeit habe ich jede Menge Befragungen unter HC-Fans gemacht und es stellte sich heraus, dass alle klassischen Spielarten von Punk in deren Ohren einen ganz niedrigen Platz in der Beliebtheitsskala belegen. Metal steht ungleich höher in der Gunst. Den Werten des Punk fühlen sie sich aber verbunden. Punk hören und Punk leben ist also nicht unbedingt das gleiche. Man kann sehr gut Metal hören und eine Punk-Einstellung haben.
Oder Musik wie Monochrome machen und daheim Free Jazz hören!
(lacht) Soll ich ehrlich sein? Früher verleugnete man einige seiner Vorlieben und handelte aus einem gewissen Gruppenzwang heraus, um die Kriterien der Szene zu erfüllen. Aber es war dennoch wichtig, dass man Teil von etwas sein konnte. Das ist es, was ich mit der ?hohen Sozialisationsqualität? der Hardcore-Szene meinte. Das tolle ist, dass man wirklich dabei bleibt und die Werte ein Teil des eigenen Lebens bleiben. Dass man zehn Jahre später zurück blickt und sich sagt: Es gibt Gründe dafür, wie ich lebe. Es ist richtig.
Dich interessiert, warum Thomas D., Kool Savas, Morrissey, Eva Briegel von JULI, Mike Ness von SOCIAL DISTORTION, Andy von CALIBAN und die Jungs von RISE AGAINST überzeugte Vegetarier sind? Warum sich MY CHEMICAL ROMANCE und Ben von BILLY TALENT Gedanken über Tierrechte machen? Warum sich P!nk für die Tiere einsetzt und AS I LAY DYING gegen Pelze sind? Dann check doch mal unsere FAQS zu den Themen Vegetarismus, Pelze und Tierrechte. Leckere vegetarische Rezepte findest Du hier. Wenn Du weitere Fragen hast, schreib' uns einfach fix an: admin@peta2.de.
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