
ONLY CRIME - Russ Rankin im exklusiven Talk!
Sie sind so etwas wie eine Allstar-Group des amerikanischen Punk: ONLY CRIME wurden 2002/2003 von GOOD RIDDANCE-Sänger Russ Rankin gegründet. Dieser rekrutierte den langjährigen GOOD RIDDANCE-Produzenten Bill Stevenson (ALL, BLACK FLAG, DESCENDENTS) als Drummer und trommelte des Weiteren Aaron Dalbec (vorher BANE, CONVERGE, Gitarre), Zach Blair (vorher HAGFISH, GWAR, ARMSTRONG, Gitarre) sowie Doni Blair (vorher HAFSIH, ARMSTRONG, Bass) zusammen und gründete ONLY CRIME. Deren 2004 erschienenes Debüt ?To The Nines? transportierte zwar Einflüsse der einstigen Hauptbands der fünf. An einigen Stellen waren ONLY CRIME aber bereits ungewöhnlich komplex. Nun, mit ihrem zweiten Album ?Virulence? (Veröffentlichung: 22. Januar) ist die Band gänzlich eigenständig geworden. Sie haben ein subtiles Hardcore-Punk-Album konstruiert, das undurchsichtiger, energischer und aufgewühlter ist als ?To The Nines?. Hier einen sich kalifornische Drahtlinigkeit und progressiver Geist. Anlässlich von ?Virulence? sprachen wir mit Szeneveteran und Veganer Russ Rankin, der sich einmal mehr als sehr gesprächsfreudig zeigte.
Russ, ?Virulence? erscheint sehr bald. Wie blickst du der Veröffentlichung entgegen?
Ich fühle mich gut, wenngleich anders als früher, wenn ein Veröffentlichungsdatum nahte. Weißt du, vor acht bis zehn Jahren waren wir immer nervös bevor ein GOOD RIDDANCE-Album raus kam. Wir fragten uns, wie viele Alben wir wohl verkaufen würden und ob wir mehr als diese oder jene Band verkaufen würden. Heute fühle ich nicht mehr so ? weder was GOOD RIDDANCE, noch was ONLY CRIME angeht. Die Nervosität ist weg.
Kannst du dir erklären warum?
Einerseits sind mir Verkaufszahlen nicht mehr so wichtig wie früher. Andererseits ist die ganze Musikindustrie in den letzten Jahren doch mächtig durcheinander gewirbelt worden. Kaum jemand verkauft heutzutage noch nennenswerte Mengen an Platten. Und das hat meine Erwartungen an kommerzielle Erfolge in der Form, wie ich sie früher hatte, sehr reduziert. Deswegen freue ich mich einfach darüber, dass ?Virulence? fertig ist, dass wir den Fans etwas präsentieren und auf Tour gehen können.
Du sprachst die Veränderung in der Musikindustrie aufgrund von Songdownloads an. Wie stehst du zu einen zweiten Trend, der sich zumindest in den USA ganz merklich vollzieht: Punk, Hardcore und Screamo sind heute populärer denn je.
Als ich jung war und mit Punkrock in Berührung kam, interessierte sich die Mainstream-Musikindustrie einen Scheiß für diese Musik. Damals war BON JOVI hipp und wurde von den großen Plattenfirmen entsprechend vermarktet. Heute gibt es auf einmal diese sechs bis zehn Bands, die Punkrock, Emo oder Screamo spielen und unglaublich populär sind. Das Problem mit ihnen ist, dass die Industrie den Kids eben nur diese sechs bis zehn Bands verkauft, während eine Vielzahl sehr guter Punkrock- und Hardcore-Bands vom Mainstream ausgeblendet wird. Nimm NEW MEXICAN DESASTER SQUAD, eine tolle Band mit der wir bald auf USA-Tour gehen werden. Wäre es tatsächlich die reine Punkrock-Musik, die im Moment hipp ist und nicht ein inszenierter Hype ? dann wäre diese Band groß. Sie ist es aber nicht.
Wie stehst du also zu dem Trend?
Er nervt mich. Es ist doch so: die Kulturindustrie lebt davon, dass sie sich Konsumenten formt, die jeden Trend schlucken ohne ihn a) zu hinterfragen oder ihn b) in seiner Tiefe zu verstehen. Ein Trend vergeht, der nächste kommt und die Zielgruppe schluckt ihn wieder. Während ich mit Punkrock und Hardcore aufwuchs, waren beide nie ein Vermarktungsobjekt. So konnten wir die ganzen, von der Industrie vermarkteten Trends als etwas sehen, was sich außerhalb unsere Sphäre abspielte und nicht die Substanz hatte, die Punkrock besaß. Jetzt sind Punk und Hardcore aber zum Vermarktungsobjekt geworden, jedoch ohne dass die Werte der Bewegungen transportiert werden. Und das gefällt mir nicht. Denn auch wenn einige der gehypten Bands vielleicht gute Musik machen. Auf eine von ihnen kommen zehn Underground-Bands, die unentdeckt bleiben.
Du klingst verbitterter denn je.
Ja, vielleicht bin ich das auch. Haha, schmeiß? mich ruhig in den Topf der über 30jährigen Punkrocker, die immer sagen, früher sei alles besser gewesen. Nein, im Ernst, ich weiß, dass es auch die Bands gibt, die trotz ihres Hypes den Bezug zur Szene wahren und kleine Bands mit auf Tour nehmen und die Szene dadurch pushen. Und das finde ich toll. Aber das Groß des Hypes transportiert in meinen Augen nicht die Essenz von Punkrock.
Hast du ?American Hardcore? gesehen?
Ja, der Film hat mich einerseits traurig gemacht, mir aber andererseits die Augen geöffnet. Denn der Film erinnerte mich an die frühen Tage des US-Punk. Er machte mir aber klar, dass diese Zeiten nun einmal vorbei sind.

Russ und seine Jungs von ONLY CRIME.
Lass uns über ?Virulence? sprechen. Was trennt ?Virulence? in deinen Augen von eurem Debüt ?To The Nines??
?To The Nines? hat das Lob nicht verdient, das es von Presse und Fans erhielt. Das Album war in gewisser Hinsicht nur ein Derivat von GOOD RIDDANCE und HAGFISH. Denn Zach, unser Gitarrist, der vorher bei HAGFISH spielte, und ich haben die Stücke für das Album geschrieben. Und die meisten Stücke von mir hätten auch GOOD RIDDANCE-Songs beziehungsweise Zachs Songs hätten auch HAGFISH-Stücke sein können. Daher hatte das Album keine eigene musikalische Identität. Außerdem trat unser Bassist Doni einen Tag vor Beginn der Aufnahme in die Band ein. Insgesamt war das Album also ein von Zach und mir konzipiertes Stück Musik, das wir gemeinsam mit Bill, Aaron und Donnie umsetzten. ?Virulence? ist nun das Resultat von zwei Jahren kollektiver Arbeit mit ONLY CRIME. Wir sind getourt, haben uns aufeinander eingespielt und einander sehr viel besser kennen gelernt. Und dass wir alle fünf unsere individuellen musikalischen Ideen und Visionen in die Arbeit an ?Virulence? eingebracht haben, hat dazu geführt, dass dieses Album eine eigene Einheit und eben kein Derivat anderer Bands mehr ist.
In wie fern unterscheiden sich denn eure individuellen Ideen und Visionen im Bezug auf die Musik von ONLY CRIME?
Sie unterscheiden sich zwar nicht fundamental, aber ich habe genug damit zu tun, die anderen vier in ihrem Drang sich musikalisch völlig aus zu toben, zu bremsen. Bill, Doni, Zach und Aaron sind wahnsinnig gute Musiker und allesamt große Jazzfans, die es lieben zu improvisieren und allerlei durchgeknallte Songstrukturen zu entwerfen. Ich hingegen bin ein Freund von simplen, auf den Punkt gespielten Songs und vor allem von guten Melodien. Während die anderen vier für ?Virulence? also recht komplexe Songstrukturen entstehen ließen, habe ich dem ein wenig entgegen gearbeitet und versucht, die Komplexität der Songs nicht ausufern zu lassen. Ich sage dir, wir hatten einige interessante Diskussionen, weil jemand, der noch nie in seinem Leben Texte geschrieben hat, eine ganz andere Sicht auf musikalische Qualität hat als jemand, der die Stücke singt und irgendwo dafür verantwortlich ist, dass du den Hörer erreichst. Daher war es meine Aufgabe, die Kreativität der anderen zu bändigen und alle Ideen in einem handhabbaren Song zusammen zu führen.
Nun ist eine gewisse Komplexität aber doch für ONLY CRIME typisch, oder?
Natürlich, mir geht es ja auch nur darum, in einem drei-Minuten-Song alles Wichtige zusammen zu fassen und eben nicht in 15-Minuten-Solos, -Drumparts und allzu verspielten Bassparts auf zu gehen. Bei ONLY CRIME ging es immer auch darum Songs zu spielen, die den durchschnittlichen Menschen berühren und ihm etwas geben. Deswegen versuche ich den teils jazzartigen Songstrukturen und den experimentellen Rhythmusparts gute Hooks und Melodien an die Seite zu geben. So dass wir kurze, zum gewissen Grad komplexe und dennoch griffige Stücke schreiben können. Daraus entstehen vielleicht nicht ausschließlich Ohrwürmer. Einige ONLY CRIME-Songs haben aber das Potenzial dazu, dass du sie nicht mehr aus deinem Ohr heraus bekommst.
Hattet ihr denn einen Grundsatz, nachdem ihr an dem Album gearbeitet habt?
Es gab tatsächlich ein Mission-Statement, das wir der Arbeit an ?Virulence? zugrunde gelegt haben. Ich sagte ja, dass ?To The Nines? ein Album war, das den anderen Bands, in denen wir spielten, sehr ähnlich war. Dennoch gab es auf dem Album ein, zwei Stücke, die eigenständiger waren, als der Rest der Platte. ?Virus? war einer dieser Songs. Als wir nun an ?Virulence? heran gingen, sagten wir uns, dass jeder Song auf dem Album von ?Virus? inspiriert sein sollte. Das Album ? und das war von vornherein klar ? sollte wie BLACK FLAG klingen, nur mit kürzeren Songs. Es sollte tolle Melodien haben, ohne poppig zu sein. Und hart klingen, ohne Metal zu sein.
Du sagtest in mehreren Interviews, dass das Buch ?Diet For A New America? von John Robbins dich inspirierte vegan zu leben. Würdest du das Buch nach wie vor empfehlen, oder kannst du dich auch für neuere Literatur aussprechen?
Das ist richtig. Die Lektüre von ?Diet For A New America? war einer der Hauptgründe, warum ich 1993 Veganer wurde. Ganz ehrlich gesagt habe ich seitdem aber wenige so Bahn brechende Bücher wie dies gelesen. ?Diet For A New America? zeichnet ein sehr treffendes und leicht verständliches Gesamtbild der Tierrechts- und Veganismus-Thematik. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel mit Menschen über Vegetarismus und Veganismus gesprochen. Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass es zwei Hauptgründe gibt, warum Menschen darüber nachdenken, sich fleischfrei zu ernähren: Zum einen sind viele in Sorge über ihre Gesundheit. Zum anderen machen sich einige Sorgen, dass die Art und Weise, wie wir heute mit dem Planteten Erde umgehen, einen negativen Effekt auf das Leben der Folgegenerationen haben wird. Weitere Menschen sehen eine verkehrte Logik darin, zu ihren Haustieren lieb zu sein, gleichzeitig aber die Leichen anderer Tiere zu essen. Diese drei Dinge eröffnen nun drei verschiedene Wege, um Menschen für tierrechtliche Fragen zu sensibilisieren. ?Diet For A New America? berührt alle diese Punkte, indem John Robbins über alle diese Dinge schreibt und die Konsequenzen des Fleischkonsums adäquat aufzeigt ohne priesterisch zu wirken. Er zeigt auf sehr angenehme Weise, dass es an uns liegt, die Zerstörung dieses Planeten ein Stück weit auf zu halten, indem wir unsere Essgewohnheiten ändern.
In wie fern hat sich in den 13 Jahren, seit denen du vegan lebst, dein Umfeld im Bezug auf Tierrechtsfragen geändert?
Mit GOOD RIDDANCE haben wir Menschen für Tierrechtsfragen sensibilisiert. Seit Jahren legen wir auf Tour PETA-Flyer an unserem Merchandise-Stand aus. Und mir haben einige GOOD RIDDANCE-Fans erzählt, dass sie eigentlich nur zum Konzert kamen, um eine gute Zeit zu haben. Dann haben sie einen der PETA-Flyer mitgenommen und aufgrund der Informationen sind sie dann Vegetarier oder Veganer geworden. Das waren für mich sehr berührende Momente, weil ich denke, dass wir dadurch geholfen haben, die Welt und die Leben von Menschen in eine positive Richtung zu beeinflussen. Weiterhin haben sich hier in Kalifornien die Möglichkeiten, um vegan zu leben, extrem verbessert. In jedem Supermarkt und im jeden Starbuck?s bekommst du mittlerweile vegane Produkte und mehr und mehr Ketten nehmen vegane Produkte in ihr Sortiment auf. Jedes Mal, wenn ich mit meinen Freunden Kaffee trinken gehe und mir meine Sojamilch bestelle, sage ich: ?Hey Freunde, gewöhnt euch dran, eines Tages werden wir alle Soja- statt Milchprodukten zu uns nehmen. Die Revolution ist losgegangen und nicht mehr auf zu halten.
Russ, vielen Dank für das passende Schlusswort und das Gespräch!
Dich interessiert, warum Thomas D., Kool Savas, Morrissey, Eva Briegel von JULI, Mike Ness von SOCIAL DISTORTION, Andy von CALIBAN und die Jungs von RISE AGAINST überzeugte Vegetarier sind? Warum sich MY CHEMICAL ROMANCE und Ben von BILLY TALENT Gedanken über Tierrechte machen? Warum sich P!nk für die Tiere einsetzt und AS I LAY DYING gegen Pelze sind? Dann check doch mal unsere FAQS zu den Themen Vegetarismus, Pelze und Tierrechte. Leckere vegetarische Rezepte findest Du hier. Wenn Du weitere Fragen hast, schreib' uns einfach fix an: admin@peta2.de.


