
PANIC AT THE DISCO! - Im exklusiven Interview!
Sie gelten als Emo-Pop-Punk-Wunder im Fahrwasser ihrer Mentoren von Fall Out Boy, werden vom Radio präsentiert und sind sehr jung. Was leider den Blick für das Wesentliche versperrt: Ihr Debüt ?A Fever You Can?t Sweat Out? arbeitet zwar mit Stilmitteln des Powerpop, ist aber mit Elektronik, Vaudeville-Piano, feinen Arrangements und erzählerischen Texten weit mehr Cabaret und Rocktheater als Kiddie-Punk. Ein paar Richtigstellungen von Texter/Gitarrist Ryan Roos und Drummer Spencer Smith, der ebenso wie Sänger Brendan Urie Vegetarier wurde ? durch das Musikerleben. Von Oliver Uschmann
Spencer, wie bist du zum Vegetarismus gekommen?
Spencer: Ich bin erst seit 8 Monaten Vegetarier, das ist alles noch sehr neu. Das Leben auf Tournee hat mich dazu gebracht. Zum einen, weil fast alle anderen Bands, denen wir dabei begegnen, Vegetarier oder Veganer sind und zum anderen, weil es auf Tour so verdammt einfach ist. Die übliche Meinung von Leuten, die es noch nie probiert haben, lautet doch: Es ist mir zu kompliziert, dann darf ich ja gar nichts mehr essen. Ist es aber nicht, es gibt tonnenweise Speisen, die du wählen kannst. Auf Tour ist es natürlich extrem bequem. Du wünschst dir, wie das Catering auszusehen hat und kriegst deine vegetarische Mahlzeit.
Also hättest du immer schon gern damit angefangen, bekamst aber jetzt die Chance auf dem Silbertablett serviert?
Spencer: Ja. Ich wuchs halt so auf wie jeder, aß im Grunde alles. Es gab keinen Schlüsselmoment, durch den ich Vegetarier wurde, und ich mache es auch eher wegen des Gesundheitsaspektes. Mit den Musikern, die sich vegan ernähren und aktiv für Tierrechtsaktivismus einsetzen, kann ich mich nicht vergleichen. Ich wurde einfach nicht so erzogen oder geprägt, aber nachdem ich nun eine Zeit lang Vegetarier bin, entsteht auch die entsprechende Überzeugung; im Nachhinein sozusagen.
Fühlst du dich körperlich besser seitdem?
Spencer: Definitiv. Gesünder, fitter. Ich bin seitdem nicht krank geworden.
Ihr scheint ohnehin nicht gerade ein exzessives Rock?n?Roll-Leben zu führen...
Spencer: Wir sind da sehr reserviert. Wir trinken nichts, wir sind keine Partyband. Nach dem Konzert verschwinden wir wirklich schnell im Tourbus und ziehen uns einen Film rein.
Das hört man eurem Debütalbum an. Es ist ausgearbeitet, detailliert, im positiven Sinne nicht Punkrock. Daher gehen auch die Vorwürfe ins Leere, nicht wirklich eine Punkband zu sein, oder?
Ryan: Wir versuchen nicht mal, eine Punkband zu sein. Wo andere Bands alles einfach so stehen lassen, verwenden wir viel Zeit und Sorgfalt darauf, die Songs so lange zu bearbeiten, bis wir jeden Teil mögen. Das ist nicht gerade Punk.

Tierliebe Jungs: PANIC! AT THE DISCO.
In gewissem Sinne seid ihr es durch die Texte, die zum einen selbstironisch eure Rolle als Band reflektieren und zum anderen sehr sarkastische Stories erzählen ? in Kontrast zur euphorisierenden Musik.
Ryan: Zu Beginn hatten wir die Musik zu erst und bei dem Versuch, sie zu betexten, fiel mir auf, dass meine Inhalte im Grunde nicht dazu passten und ihr entgegen standen. Somit schrieb ich später die Texte zuerst und passte die Musik an meine Geschichten an. Das ist die zweite Hälfte des Albums, wo beides besser zueinander passt. Manche Bands übertreiben es mit dem ?emotionalen Ausdruck? und dem Pathos, wie sehr doch ihr Herz gebrochen wurde. Irgendwann klangen die Texte aller Bands gleich, was mich sehr ermüdet hat und mich dazu anregte, etwas anderes zu versuchen.
Verleiht es euch eine besondere Befriedigung, ein wenig mit den Erwartungen der Hörer und der Musikindustrie zu spielen, indem ihr endlose Songtitel verwendet oder euch in einem Song über die Kritiker lustig macht?
Ryan: Das macht großen Spaß. Die meisten Hörer ignorieren es einfach und sehen nicht den Sarkasmus darin.
Deine Texte lesen sich stellenweise wie die abgeklärten, süffisanten Kommentare eines Mannes, der seit 10 Jahren im Business ist. Bist du aber nicht. Woher kommt das?
Ryan: Das einzige, was mich auf dem College neben Musik interessierte, waren Fächer wie Creative Writing. Da trainierte ich mich und genoss einfach immer das Schreiben. Zudem sind Spencer und ich zusammen in Bands, seit wir 13 Jahre alt waren.
Spencer: Gott sei dank haben wir davon nie was veröffentlicht. (lacht)
Ryan: Ja. Furchtbar.
Spencer: Keine guten Songs.
Seid ihr Autodidakten?
Ryan: Teilweise. Spencer hatte Schlagzeugunterricht, als er jünger war und Brendan spielte in Jazzbands. Ich nahm ein paar Gitarrenstunden, hatte aber nie klassischen Unterricht.
Ihr zeigt euch mit Anzügen, Rüschen, ein wenig Vaudeville-mäßig. Was für eine Bedeutung hat für euch Style?
Ryan: Als wir die Platte fertig hatten und anhörten, kamen wir uns nicht wie eine Jeans & T-Shirt-Band vor. Wir wollten uns auf der Bühne einfach anders präsentieren und eine echte Show daraus machen. Sich für die Leute ein wenig herauszuputzen, macht ein Konzert stärker zu einem besonderen Ereignis.
Geht es nicht auch darum, zu zeigen: Ich bin nicht euer ?authentischer? Rockmann, der sein innerstes nach außen kehrt, sondern spiele hier eine Rolle, biete euch ein wenig Theater?
Ryan: Auf jeden Fall. Das tun wir ja auch in unseren Texten, wo wir Figuren und Charaktere auftreten lassen. Das mag das Ganze für uns selbst weniger persönlich machen, ist aber ein Gewinn für das Publikum.
Ihr spielt das Spiel auch auf andere Weise mit, indem ihr euer Debüt über einen Major vertreiben lasst oder auch in den Medien sehr präsent seid. Habt ihr da einen bestimmten Ethos, auch mal etwas zu boykottieren?
Ryan: Unser eigentliches Label ist Fueled By Ramen und das ist nun wirklich keine gigantische Firma. Wir haben schon einige Angebote abgelehnt, die uns mehr Geld hätten zuführen können, hinter denen wir aber nicht standen. TV-Werbung und so was. Diese Entscheidungen bekommt nur niemand mit.
Seid ihr mit eurem Publikum zufrieden?
Ryan: Nein. Wir fühlten uns nie als Szene- oder gar als Emoband. In diese Schublade wurden wir geworfen, aber es engt wirklich ein, denn wir haben diese Einflüsse nicht und hören uns das Zeug nicht mal an. Wir wollen ein weitaus breiteres Publikum erreichen und der einzige Weg dorthin ist nun mal, im TV präsent zu sein und zu wachsen. Jetzt, wo wir endlich selbst die Headliner sind, haben wir außerdem das Privileg, Bands mit auf Tour zu nehmen, die wir mögen. Wenn wir wieder daheim sind, werden wir etwa die Dresden Dolls und The Hush Sound mitnehmen, da wir sie sehr schätzen und hoffentlich auch deren Publikum für uns öffnen können.
Daher hat euer Promoter auch verboten, euch auf Fall Out Boy anzusprechen?
Roy: (lacht) Pete Wentz von Fall Out Boy hat uns auf sein Label geholt, insofern kann man es niemandem verübeln. Wir testen uns immer noch aus und beginnen gerade erst zu entdecken, welche Band wir sein wollen.
Wo stehen Panic! At The Disco in fünf Jahren?
Spencer: Das kann ich nur damit beantworten, wo wir in fünf Jahren gerne sein würden. Zurück in den USA werden wir unsere erste Tour als Headliner spielen und zwei zusätzlich Musiker auf die Bühne holen, um nicht so viele Elemente samplen zu müssen. Das soll der erste Schritt in die Richtung sein, die wir als Live-Band einschlagen wollen: Mehr Theater-Elemente, mehr Performance, Kostümwechsel, Bühnendesign und Deko, so was. Ich denke, wir wollen das machen, weil es in diesem ?Genre? sonst keine Band gibt, die so was anstellt.
In der Tat. Klingt wie ein 70ies-Progrock-Ansatz. Rocktheater. Queen, Genesis. Konzeptalben.
Ryan: Über so was denken wir nach, ja. Mehr wollen wir nicht verraten, aber diese Spekulationen gehen in die richtige Richtung. Wir sehen uns nicht so sehr als einfache Rockband, sondern wollen mehr in Richtung Gesamtkunstwerk gehen. Panic! At The Disco soll ein Begriff für alle Künste werden: musikalisch, dramatisch und visuell.
Oliver Uschmann ist Buchautor und arbeitet als Redakteur bei den Magazinen VISIONS und Galore.
Dich interessiert, warum Thomas D., Kool Savas, Morrissey, Eva Briegel von JULI, Mike Ness von SOCIAL DISTORTION, Andy von CALIBAN und die Jungs von RISE AGAINST überzeugte Vegetarier sind? Warum sich MY CHEMICAL ROMANCE und Ben von BILLY TALENT Gedanken über Tierrechte machen? Warum sich P!nk für die Tiere einsetzt und AS I LAY DYING gegen Pelze sind? Dann check doch mal unsere FAQS zu den Themen Vegetarismus, Pelze und Tierrechte. Leckere vegetarische Rezepte findest Du hier. Wenn Du weitere Fragen hast, schreib' uns einfach fix an: admin@peta2.de.


