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"Als ich aufwache" - eine Kurzgeschichte

Nadine d'Arachart und Sarah Wedler, das mörderische Autorinnen-Duo aus dem Ruhrgebiet, haben für uns eine Kurzgeschichte geschrieben, weil sich das, was den Tieren in der Intensivtierhaltung passiert, nicht von den Verbrechen in den Krimis und Thrillern unterscheidet, die sie normalerweise verfassen.

Nadine d'Arachart und Sarah Wedler

Wir sind Nadine d'Arachart und Sarah Wedler, zwei junge Autorinnen aus dem Ruhrgebiet. 2012 ist unser erster Roman „Die Muse des Mörders“ erschienen. Neben dem Schreiben engagieren wir uns gegen Massentierhaltung und für einen besseren Umgang mit Haus-, Heim- und so genannten „Nutz“tieren.
Mit unserem Text „Als ich aufwache“ möchten wir in erster Linie auf die Leiden dieser Tiere hinweisen – denn so sehr unterscheiden sie sich leider nicht von den Verbrechen in den Krimis und Thrillern, die wir normalerweise verfassen.

"Als ich aufwache"

Nadine d'Arachart und Sarah Wedler

Als ich aufwache, merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ich bin heute nicht von dem Geräusch erwacht, mit dem das Futter in unsere Tröge geschaufelt wird - ein Laut, über den ich mich jeden Morgen aufs Neue freue. Ich liebe es, zu fressen. Sobald uns das Futter gebracht wird, fressen wir und fressen, bis nichts mehr da ist. Dann dämmern wir vor uns hin, bis uns am nächsten Morgen wieder das monotone Geschaufel weckt. Futteraufnahme als Lebensinhalt – das ist okay, denn viel bewegen können wir uns hier sowieso nicht. Je dicker wir werden, desto weniger wird der Platz. Ich mache die Augen zu und träume von Dingen, die ich nicht kenne. Vom Herumlaufen, vom Rennen und Wälzen. Von etwas Grünem, Saftigem, das... Mir fällt kein Name dafür ein.
Auf einmal werde ich geweckt. Irgendetwas ist heute anders als sonst. Träge erhebe ich mich und sehe mich um. Mein großer Bruder, mit dem ich mir den Stall teile, wird gerade herausgezerrt. Er sieht mich traurig aus seinen großen Augen an. Ich erwidere seinen Blick erschrocken. ‚Geh nicht’, will ich ihm zurufen und ‚Warum haust du ab?’. Dann sehe ich, dass er nicht der Einzige ist, der den Stall verlässt. Eine ganze Gruppe von uns wird durchs Tor auf eine steile Rampe getrieben. Wieder trifft mich der Blick aus den braunen Augen meines Bruders, dann bekommt er einen harten Schlag aufs Hinterteil und setzt sich unwillig in Bewegung. Ich will ihm hinterher rennen, aber der Spaltenboden ist holprig und lässt mich nur voran stolpern. Ich falle und rapple mich auf – es ist ungewohnt, so viel Platz hatte ich noch nie. Irgendwie schaffe ich es, mich in die lange Schlange einzureihen, die auf die Rampe und dann in einen Transporter führt. Gelächter hallt in meinen Ohren. Ich höre, wie jemand ruft: „Da hat’s aber einer besonders eilig, ein Braten zu werden!"
Ich verstehe den Sinn seiner Worte nicht.
Ein anderer antwortet: „Das ist einer zu viel. Ach, scheiß drauf!“
Ich befinde mich nun direkt hinter meinem Bruder. Ich sehe, dass seine Beine zittern und frage mich, ob er mehr weiß als ich. Schleppend kriechen wir weiter vorwärts, bis ich unter mir das kalte Metall der Rampe spüre. Ich kenne nur Spaltenboden und Stroh. Dieser glatte, glänzende Boden gefällt mir nicht und ich weigere mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mürrisches Gemurmel hinter mir. Dann trifft auch mein Hinterteil ein harter Schlag.
‚Ist ja gut, ist ja gut!’. Jetzt habe ich es eilig, in den Transporter zu kommen. Meine Beine rutschen immer wieder ab und ich merke, dass mehrere starke Hände von hinten schieben. Endlich habe ich es geschafft. Ich bin drin und bleibe direkt neben meinem Bruder stehen. Sein Blick ist immer noch traurig. Hinter uns schließt sicht die Tür und auf einmal ist es stockdunkel. Ich habe das Gefühl, dass mein Herz stehen bleibt und jammere, dass ich zurück in meinen Stall will. Dass ich es hier drin zu eng finde und dass ich kein Futter sehe. Um mich herum jammern sie auch, zumindest manche von ihnen.
Der Wagen setzt sich ruckelnd in Bewegung und es wird still. Wir alle horchen, hoffen, malen uns aus, was auf uns zukommt. Mein Bruder senkt den Blick und schiebt die Nase durch eine der Ritzen des Transporters, durch die jetzt helles Licht fällt. Ich tue es ihm gleich und rieche etwas Frisches, das ich kaum beschreiben kann. Saftiges Futter, denke ich, und Rennen und Wälzen.
Wir fahren immer schneller. Ich beobachte kleine, zuckende Lichtreflexe an den kahlen Wänden des Wagens und auf den Körpern der anderen. So etwas habe ich noch nie gesehen - im Stall hat sich das Licht nicht bewegt. Ich betrachte das Schauspiel und vergesse darüber sogar meine Aufregung, aber nur für ein paar Minuten, denn dann wird alles noch schlimmer. Wir fahren schneller und plötzlich wird es um uns herum unerträglich laut. Knatternde Geräusche sausen auf der einen Seite in den Transporter hinein und an der anderen Seite wieder heraus. Ich kenne nur das Gezwitscher der Vögel, die im Gebälk unter unserem Stalldach leben und das immergleiche, tröstliche Geräusch der Futterschaufel. Ich will das hier nicht hören. Langsam lasse ich mich zu Boden sinken. Es stinkt. Ich werfe meinem Bruder einen bösen Blick zu, der fragt ‚Warum musstest du auch den Stall verlassen?’. Und dann frage ich mich selbst, warum ich ihm gefolgt bin. Viel lieber wäre ich jetzt zu Hause. Fressend und schlafend. Ich schließe die Augen und denke an meinen Trog, meinen Platz in der Box.

Als ich aufwache, hat sich das ganze Bild geändert. Licht fällt in den Transporter und wieder lehnt eine Rampe daran. Ein paar von uns stehen bereits draußen. Andere schieben sich gerade hinaus. Einer von ihnen behauptet, wir bekommen einen neuen, größeren Stall. Die anderen freuen sich über die Aussicht auf mehr Platz. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll und eigentlich habe für heute auch genug von neuen Dingen.
Der enge Transporter wird immer leerer und erst jetzt sehe ich zwischen den Beinen der anderen einen reglosen Körper liegen. Vorsichtig trete ich näher und sehe, dass es mein Bruder ist, der dort liegt. Ich stoße ihn mit dem Fuß an.
‚Du kannst hier nicht schlafen, sonst treten sie auf dich drauf’, warne ich ihn. Er rührt sich nicht. Die anderen machen nun einen Bogen um ihn. Ich stoße ihn erneut an, diesmal fester. Der Transporter ist jetzt leer bis auf uns beide. Ich schlage vor, dass wir einfach wieder zurück fahren. Sage ihm, dass es ein blöder Fehler von ihm war, den Stall zu verlassen, aber dass ich ihm nicht böse bin. Doch noch immer bewegt er sich nicht. Ich höre Stimmen, sehe mich um und spüre schon wieder einen Schlag auf meinem Hintern. Was wollen sie denn jetzt schon wieder? Noch ein Schlag.
„Beweg dich, fauler Sack, du!“
Ich will mich weigern, aber mit vereinten Kräften ziehen sie an mir, schieben und schlagen mich. Ich werde die Rampe hinunter gezerrt und werfe einen Blick zurück zu meinem Bruder.
„Hatte wohl ’nen Herzinfarkt“, sagt jemand.
Ich weiß nicht, was das sein soll. Dann bin ich raus aus dem Wagen. Es ist hell. Ungemütlich. Ich hebe den Kopf und sehe, dass das gräßliche Licht von einer riesigen, leuchtend gelben Kugel kommt, die über uns an einem blauen Dach hängt. Wenn dies unser neuer Stall sein soll, dann herzlichen Glückwunsch. Ich frage mich, wie man bei diesem Licht schlafen soll. Man gewöhnt sich an alles. Hauptsache, es gibt genügend Futter. Ich bin hungrig.
„Gut, dass wir einen als Ersatz dabei hatten!“ sagt einer und ein anderer lacht.

Ich bin der Letzte in der Reihe und verunsichert. Wir haben den grellen Stall hinter uns gelassen und befinden uns nun in einem großen Raum, in dem es nach Blut riecht. Und nach Angst.
Ein peitschender Knall.
Ich sehe mich um. Hier gibt es kein Stroh und Futter habe ich auch noch keines entdeckt.
Wieder dieser Knall.
Ich fühle mich einsam. Ich wünschte, mein Bruder wäre hier und weiß doch, dass er nicht wieder kommt. Irgendwas Schreckliches passiert hier. Wir alle wissen es, manche schreien.
Wieder ein Knall.
Plötzlich bewegt sich der Boden unter meinen Füßen. Erschrocken reiße ich die Augen auf, will umkehren, aber ein Bügel umschließt mich und ich bin gefangen.
Wieder ein peitschender Knall.
Mein Herz hämmert gegen meine Brust. Ich will hier weg.
Wieder dieser Knall.
Ich will hier raus! Ich stemme mich mit aller Kraft gegen den Metallbügel, aber er will nicht nachgeben.
Knall!
Dann sehe ich, wie der vor mir umfällt. Einfach so. Zack. Ich will den Kopf schütteln, weil ich nicht weiß, wie ich meine Fassungslosigkeit sonst ausdrücken soll, aber er wird festgehalten und etwas Kaltes wird mir gegen die Stirn gedrückt. Ich will das nicht! Lasst mich los, ich- Knall!

Als ich aufwache, denke ich zuerst, ich bin woanders. Zu Hause. Da wo es Vogelgezwitscher und etwas zu essen gibt. Dann erst wird mir klar, dass sich nur mein Blickwinkel geändert hat. Ich hänge auf dem Kopf. An einem Bein. Und ich bewege mich langsam vorwärts. Das ist alles ein Albtraum! Ich sehe, dass ich wieder der Letzte in der Reihe bin. Ich lasse meinen Blick schweifen und wünsche mir sogleich, ich hätte es nicht getan. Neben mir hängen Freunde von mir. Leblos. Und weiter hinten, da hängen sie und bluten. Ich bin der Einzige, der wach ist. Ich wende den Blick ab. Das hier ist kein neuer Stall.
Ich bin erschöpft und mir fallen immer wieder die Augen zu. Ich habe Hunger. Unerträglichen Hunger. Ich bin erschöpft und schlafe fast wieder ein, da ertönt ein schriller Schrei. Ich öffne die Augen. Auch der neben mir ist aufgewacht. Dann fährt etwas Schmales, Glänzendes durch seine Kehle. Dickes Blut quillt aus seinem Hals und er rührt sich nicht mehr. Ich fange an zu zappeln, fange an zu schreien.
Ich lebe noch, ich lebe! Ich sehe, wie das blutige Metall immer näher kommt. Ganz hinten sehe ich, wie die leblosen, ausgebluteten Körper in ein Becken mit Wasser getaucht werden.
Ich hasse Wasser! Ich hasse es, hier zu hängen! Das blutige Messer kommt immer näher. Ich bin der Einzige, von dem noch kein Blut herab in die riesigen Behälter tropft. Was wollen sie mit unserem Blut? Was wollen sie mit uns?
Ich zapple weiter. Sie müssen doch merken, dass ich noch lebe! Das scharfe Ding berührt jetzt meinen Hals. Auch wenn es ähnlich glänzt wie das Metall der Rampe, ist es nicht kalt. Es ist warm von all dem Blut. Die Spitze bohrt sich in meinen Hals. Ich schreie und wünsche mir, dass ich nicht aufgewacht wäre. Dass ich nicht gesehen hätte, wie mein Bruder aus dem Stall läuft. Dass er es nicht getan hätte.
Dann wird es auf einmal ganz still um mich herum, ganz einsam und dunkel. Laufen und Wälzen, denke ich. Und saftiges, grünes Futter.


Vielen lieben Dank Nadine und Sarah für diese ergreifende Geschichte. Wer mehr von den beiden lesen will, kann sich auf deren Internet- und Facebookseite umschauen :)

www.write-fever.de
www.facebook.de/darachart.wedler

 
 
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