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Stefan Bröckling - Mission Undercover

Stefan Bröckling ist bei Peta der Mann für Special Projects. Er geht Hinweisen von Tierquälerei und schlechten Haltungsbedingungen nach - viele seiner heimlich gedrehten Videos aus Massentierhaltungen werden im Fernsehen gezeigt.

Stefan, Dein Job ist es unter anderem in Massentierhaltungen zu recherchieren und Tierschutz-Verstöße aufzudecken. Was ist das Schlimmste, was Du je erleben musstest? Ich bin nicht derjenige, der Schlimmes erlebt. Das Schlimme, das Entsetzliche, das Unbeschreibliche erleben immer die Tiere. Sie müssen alles das, was ich lediglich dokumentiere oder zur Anzeige bringe, am eigenen Leib durchmachen, und zwar ihr ganzes Leben lang. Und am Ende wartet nur der Tod. Klar habe ich es oft mit kaum vorstellbarem Leid zu tun. Ich denke, ich habe schon genug Elend für drei Leben gesehen. Aber ich weigere mich, diese Erlebnisse als schlimm zu bezeichnen, solange ich nur der stille Beobachter bin und die Tiere das, was ich sehe und dokumentiere, tatsächlich durchmachen müssen.

Aber auch ich war einmal in einer ziemlich unangenehmen Situation: Vor zehn Jahren bin ich einer Massentierhaltung beinahe tödlich verunglückt. Seither weiß ich was Todesangst ist und finde den Gedanken unvorstellbar, dass Menschen unzählige Tiere immer und immer wieder in Todesangst versetzen. Mit großer Sicherheit erleben Tiere ohnehin viel öfter Todesangst als wir Menschen. Wenn ich etwa beim Zahnarzt sitze, habe ich Angst, aber es ist keine Todesangst, denn ich weiß, dass es spätestens nach 30 Minuten vorbei ist und ich wieder gehen kann. Ein Tier im Tierversuch aber weiß nicht, ob es da je wieder rauskommt; es weiß nicht, ob der Eingriff nur Minuten, Tage oder ein ganzes Leben dauert. Es lebt in diesem Moment in seiner Angst, und diese Angst ist Todesangst.

Seitdem ich diese Form der Angst kenne, schäme ich mich nur noch mehr für das, was wir den Tieren antun. Manchmal schäme ich mich dafür, ein Mensch zu sein.

Wie hältst Du das aus? Du hast ja sicherlich das Bedürfnis, jedem Tier zu helfen - wie gehst Du damit um? In diesen Momenten versuche ich meine Gefühle abzuschalten, was meist ganz gut klappt. Ich bin dann nur der Fotoreporter oder der Kameramann, das Tier ist das Motiv. Das mag sich herzlos anhören, aber nur so ertrage ich das Elend - meine Arbeit hätte mich sonst sicher schon in den Wahnsinn getrieben. Die emotionalen Momente habe ich dann später am Rechner, wenn ich das Material bearbeite. Mittlerweile sehe ich mir jedoch mein Foto- oder Videomaterial im Internet oder im TV immer seltener an. Irgendwo ist dann doch das Maß voll.

Hin und wieder retten wir aber schon direkt Tiere. Einmal haben wir in der Kotgrube einer Legebatterie etliche Hühner gefunden. Sie waren aus den maroden Käfigen ausgebrochen und in die Grube gefallen. Einige waren schon tot, andere kurz vor dem Verdursten. Natürlich haben wir die Tiere mitgenommen. Eine Alternative dazu gab es einfach nicht. Erst vor kurzem haben mein Kollege Bernd und ich einen Bauern aufgesucht, der 20 Hühner in illegale, viel zu kleine Käfige eingesperrt hatte. Außerdem hatte er set vier Jahren einen Hund an der Kette. Nach einem Gespräch hat er uns sowohl den Hund als auch die Hühner überlassen. Das sind seltene Glücksmomente, die die Kraft für neue Einsätze geben.

Wenn ich etwa in eine Putenmast gehe, dann sind da 5.000 oder mehr Tiere pro Stall. Selbst wenn ich die alle retten wollte, wäre es unmöglich. Denn wo kann man solche Unmengen von Tieren unterbringen? Abgesehen davon sind die heutigen Puten ohnehin nicht dauerhaft lebensfähig. Irgendwann brechen sie einfach unter dem eigenen Gewicht zusammen. Und selbst diese 5.000 Tiere wären nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Alle Tiere retten, das kann nur der Konsument. Und genau dahin zielt auch meine Arbeit. Ich dokumentiere, wie Massentierhaltung in Deutschland tatsächlich funktioniert und was es für die Tiere bedeutet, und überlasse dem Konsumenten die Entscheidung, was er oder sie mit diesen Informationen macht.

Nicht immer schreitet das Veterinärsamt ein, wenn Du Missstände anzeigst. Fühlt sich Dein Einsatz nicht oft an wie ein Kampf gegen Windmühlen - immer wieder öffnen neue Tierfabriken, in denen mehrere 10.000 Tiere gehalten und geschlachtet werden - woher nimmst Du die Kraft, trotz dieser Frustrations-Erlebnisse weiterzumachen Jeder Einsatz zeigt mir, dass wir weiter machen müssen. Ich kann doch nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun, während ich mir über das Elend der Tiere völlig im Klaren bin. Ich kann mir das alles nicht schön reden, so wie es die meisten Konsumenten tun. Ich kann die Augen nicht vor dem verschließen, was ich tagtäglich sehe. Sicher ist meine Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber wenn dieser Tropfen das Maximum von dem ist, was ich erreichen kann, dann muss ich das tun. Und wenn alle anderen die Augen vor dem Unrecht in unserer Welt verschließen, dann mache ich meine nur umso weiter auf.

Wenn Veterinärämter Tierschutzverstöße nicht ahnden, dann ist das schlimm – leider sind das aber keine Ausnahmen; meiner Erfahrung nach funktionieren 80% der Veterinärbehörden in Sachen Tierschutz nicht so, wie wir es uns vorstellen. Oft decken die Behördenvertreter sogar die Missstände. Daher arbeiten wir auch immer wieder mit den Medien zusammen, um entsprechenden Druck auf die Amtstierärzte auszuüben.

Wirst Du bei Deiner Arbeit oft angegriffen? Eher selten. Meist kommen wir heimlich, dokumentieren heimlich und verschwinden danach unbemerkt. Da wir uns gut vorbereiten und unsere Vorsichtsmaßnahmen befolgen ist es bei heimlichen Dokumentationen in Massentierhaltungen noch nie zu Konfrontationen gekommen. Brenzlige Situationen gab es jedoch schon, trotzdem konnten wir immer rechtzeitig entkommen.

Aber bei anderen Aktionen gab es schon Zwischenfälle, aber immer nur dann, wenn man sich den Tierquälern offensiv gestellt hat. Vor Jahren sind einige Aktivisten und ich mal in der Manege eines großen deutschen Zirkus zusammen geschlagen worden, als wir in der Pause im Zelt gegen die Tierdressuren demonstrierten. Die anschließende Nacht verbrachten wir im Knast. Ein anderes Mal wurde ich von Zirkus-Mitarbeitern sogar KO geschlagen! Von Jägern bin ich auch schon mehrfach geschlagen worden, ebenso von so genannten Reitsportlern. Einmal habe ich in einer katastrophalen Entenmast recherchiert - überall lagen tote und sterbende Enten. Als der Tierwirt besoffen mit seinem Mercedes kam, hat er versucht uns über den Haufen zu fahren. Anschließend wollte er mir die Kamera entreißen.

Der Wiesenhof-Skandal: Aufgedeckt von Stefan Bröckling.

Wie hat Deine Karriere in Sachen Undercover-Recherche angefangen? Angefangen hat es vor über 17 Jahren, als ich Veganer wurde. Irgendwann hat mich mal jemand mit in eine Legebatterie genommen, und obwohl ich solche Bilder schon gesehen hatte, war es eben doch etwas ganz anderes, es live zu erleben. Als dann 1996 digitale Videokameras auf den Markt kamen, nahm ich einen Kredit auf und kaufte für damals 4.500 DM eine Digi-Cam und ging in der gleichen Nacht in die Legebatterie, die ich einige Jahre zuvor erstmals betreten hatte. Das Videomaterial, das in dieser Nacht entstand, lief kurz darauf bei RTL und im ZDF. Und ich merkte, dass es einen durchaus großen Bedarf an heimlich gedrehtem Material gibt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

In dem Buch "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer erzählt ein Tierrechtler, der genau wie Du nachts in Tierbetriebe einsteigt um Missstände aufzudecken, wie er einem Tier, dem es besonders schlecht geht, den Hals umdreht, um ihm den langen, qualvollen Todeskampf zu ersparen – dem Tier war der Weg zum Tierarzt um dort eingeschläfert zu werden, nicht mehr zuzumuten. Was sagst Du dazu? Warst Du selbst schon in einer solchen Situation? Es ist sicher eine denkbar schlechte Situation, vor einer solchen Entscheidung zu stehen. Hilft man dem Tier, indem man es sofort tötet? Immerhin könnte man dabei auch etwas falsch machen und das Leiden damit vergrößern. Ein kleines Küken ist vielleicht leicht zu töten. Doch wie ist es bei einem ausgewachsenen Putenhahn mit über 20 kg? Oder einem Schwein? Nimmt man aber das Tier mit und bringt es zu einem Tierarzt, verlängert sich das Leiden damit vielleicht um etliche Stunden? Überlässt man es hingegen sich selbst, ist man am Tod des Tieres nicht beteiligt und kann alle Schuld auf den Tierhalter schieben. Aber ist das richtig? Ich glaube, alles ist richtig... und alles ist falsch.

Und ob ich schon mal in einer solchen Situation war? Ja, natürlich, das lässt sich gar nicht vermeiden. Denn unsere Massentierhaltungen sind auch Massengräber. In einer Hühnermastfarm mit z. B. 200.000 Mastplätzen und einer durchschnittlichen Mortalitätsrate von 5 % sind das immerhin 10.000 Hühner, die während eines einzigen Mastdurchgangs vorzeitig sterben. Und die verlegen den Zeitpunkt ihres Ablebens oder Dahinsiechens nicht immer auf die Arbeitszeiten des Tierwirtes. Sie leiden und sterben auch dann, wenn dieser schläft. Und eben auch dann, wenn nachts jemand mit einer Kamera den Stall betritt.

Ja, ich war schon mal in einer solchen Situation. Aber ich habe alles richtig gemacht... und alles falsch.

Wie lange lebst Du vegan und wie kam es dazu? Seit dem 18. Januar 1993. Vegetarier war ich da schon seit vier Jahren, aber ehrlich gesagt ohne eine bestimmte Motivation. Ich habe es einfach mal ausprobiert und bin dabei geblieben. Ich hatte angefangen mich gegen Tierversuche zu engagieren, aber schnell merkte ich, dass das Thema Tierschutz viel weitreichender ist, als gegen Tierversuche zu sein und kein Fleisch zu essen. Der Schritt zum Veganer hat lange auf sich warten lassen, aber als ich die Entscheidung getroffen hatte, gab es für mich kein Zurück. Ich konnte mich nicht für Tiere einsetzen, und sie gleichzeitig am Körper tragen. Oder ihre Milch trinken. Oder sie in Zoos begaffen. Der Veganismus ist für mich persönlich der einzige Weg, tatsächlich etwas für Tiere zu erreichen.

Wie bereitest Du Dich vor, wenn Du in einen Betrieb, der Dir angezeigt worden ist, einzusteigen? Betriebsgeheimnis! ;-) Die "Gegenseite" soll ja nicht alles wissen.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus? Meine Arbeit ist jeden Tag anders. Oft weiß ich heute nicht, was der morgige Tag bereit hält. Ich verbringe einen Großteil meines Lebens auf der Autobahn. Ich schlafe auch oft im Auto, was bisher bis zu Minus 15 Grad gut funktioniert hat. Mal arbeite ich tagsüber, mal nachts. Mal bin ich tagelang am Rechner beschäftigt, dann wieder unter freiem Himmel. Meine Arbeit bei PETA ist so abwechslungsreich, dass man von einem Alltag kaum sprechen kann. Mein Leben ist ein einziges Abenteuer. Würde ich es niederschreiben wäre es ein spannender Roman. Aber gäbe es ein Happy End?

Möchtest Du noch etwas sagen? Nein, aber etwas zitieren:
"Für mich ist das Leben eines Lamms nicht weniger wertvoll als das Leben eines Menschen. Und ich würde niemals um des menschlichen Körpers willen einem Lamm das Leben nehmen wollen. Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto grösser ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit." - Mahatma Gandhi

Danke für das Interview und alles, was Du für die Tiere tust, Stefan! Wir sind tief beeindruckt.


Arme Schweine!

Seht Euch aus "NESSI WIRD VEGAN - Die PETA2-Doku zum Start ins Vegane Leben!" die Folge an, in der Nessi und Jadu Stefan in eine Massentierhaltungsanlage begleiten.




Hier seht Ihr Stefan bei einer PETA-Aktion vor dem Haus von Dieter Bohlen, bei der erfolgreich gegen Bohlens Werbung für Wiesenhof demonstriert wurde.


Ihr wollt wie Stefan etwas für Tiere tun? Hier: Unser 30 Tage Vegan-Probeabo!

17. November 2010, unter
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