
Der Wiesenhof-Skandal: Aufgedeckt von Stefan Bröckling.
Wie hat Deine Karriere in Sachen Undercover-Recherche angefangen? Angefangen hat es vor über 17 Jahren, als ich Veganer wurde. Irgendwann hat mich mal jemand mit in eine Legebatterie genommen, und obwohl ich solche Bilder schon gesehen hatte, war es eben doch etwas ganz anderes, es live zu erleben. Als dann 1996 digitale Videokameras auf den Markt kamen, nahm ich einen Kredit auf und kaufte für damals 4.500 DM eine Digi-Cam und ging in der gleichen Nacht in die Legebatterie, die ich einige Jahre zuvor erstmals betreten hatte. Das Videomaterial, das in dieser Nacht entstand, lief kurz darauf bei RTL und im ZDF. Und ich merkte, dass es einen durchaus großen Bedarf an heimlich gedrehtem Material gibt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
In dem Buch "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer erzählt ein Tierrechtler, der genau wie Du nachts in Tierbetriebe einsteigt um Missstände aufzudecken, wie er einem Tier, dem es besonders schlecht geht, den Hals umdreht, um ihm den langen, qualvollen Todeskampf zu ersparen – dem Tier war der Weg zum Tierarzt um dort eingeschläfert zu werden, nicht mehr zuzumuten. Was sagst Du dazu? Warst Du selbst schon in einer solchen Situation? Es ist sicher eine denkbar schlechte Situation, vor einer solchen Entscheidung zu stehen. Hilft man dem Tier, indem man es sofort tötet? Immerhin könnte man dabei auch etwas falsch machen und das Leiden damit vergrößern. Ein kleines Küken ist vielleicht leicht zu töten. Doch wie ist es bei einem ausgewachsenen Putenhahn mit über 20 kg? Oder einem Schwein? Nimmt man aber das Tier mit und bringt es zu einem Tierarzt, verlängert sich das Leiden damit vielleicht um etliche Stunden? Überlässt man es hingegen sich selbst, ist man am Tod des Tieres nicht beteiligt und kann alle Schuld auf den Tierhalter schieben. Aber ist das richtig? Ich glaube, alles ist richtig... und alles ist falsch.
Und ob ich schon mal in einer solchen Situation war? Ja, natürlich, das lässt sich gar nicht vermeiden. Denn unsere Massentierhaltungen sind auch Massengräber. In einer Hühnermastfarm mit z. B. 200.000 Mastplätzen und einer durchschnittlichen Mortalitätsrate von 5 % sind das immerhin 10.000 Hühner, die während eines einzigen Mastdurchgangs vorzeitig sterben. Und die verlegen den Zeitpunkt ihres Ablebens oder Dahinsiechens nicht immer auf die Arbeitszeiten des Tierwirtes. Sie leiden und sterben auch dann, wenn dieser schläft. Und eben auch dann, wenn nachts jemand mit einer Kamera den Stall betritt.
Ja, ich war schon mal in einer solchen Situation. Aber ich habe alles richtig gemacht... und alles falsch.
Wie lange lebst Du vegan und wie kam es dazu? Seit dem 18. Januar 1993. Vegetarier war ich da schon seit vier Jahren, aber ehrlich gesagt ohne eine bestimmte Motivation. Ich habe es einfach mal ausprobiert und bin dabei geblieben. Ich hatte angefangen mich gegen Tierversuche zu engagieren, aber schnell merkte ich, dass das Thema Tierschutz viel weitreichender ist, als gegen Tierversuche zu sein und kein Fleisch zu essen. Der Schritt zum Veganer hat lange auf sich warten lassen, aber als ich die Entscheidung getroffen hatte, gab es für mich kein Zurück. Ich konnte mich nicht für Tiere einsetzen, und sie gleichzeitig am Körper tragen. Oder ihre Milch trinken. Oder sie in Zoos begaffen. Der Veganismus ist für mich persönlich der einzige Weg, tatsächlich etwas für Tiere zu erreichen.

Wie bereitest Du Dich vor, wenn Du in einen Betrieb, der Dir angezeigt worden ist, einzusteigen? Betriebsgeheimnis! ;-) Die "Gegenseite" soll ja nicht alles wissen.
Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus? Meine Arbeit ist jeden Tag anders. Oft weiß ich heute nicht, was der morgige Tag bereit hält. Ich verbringe einen Großteil meines Lebens auf der Autobahn. Ich schlafe auch oft im Auto, was bisher bis zu Minus 15 Grad gut funktioniert hat. Mal arbeite ich tagsüber, mal nachts. Mal bin ich tagelang am Rechner beschäftigt, dann wieder unter freiem Himmel. Meine Arbeit bei PETA ist so abwechslungsreich, dass man von einem Alltag kaum sprechen kann. Mein Leben ist ein einziges Abenteuer. Würde ich es niederschreiben wäre es ein spannender Roman. Aber gäbe es ein Happy End?
Möchtest Du noch etwas sagen? Nein, aber etwas zitieren:
"Für mich ist das Leben eines Lamms nicht weniger wertvoll als das Leben eines Menschen. Und ich würde niemals um des menschlichen Körpers willen einem Lamm das Leben nehmen wollen. Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto grösser ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit." - Mahatma Gandhi
Danke für das Interview und alles, was Du für die Tiere tust, Stefan! Wir sind tief beeindruckt.
Hier seht Ihr Stefan bei einer PETA-Aktion vor dem Haus von Dieter Bohlen, bei der erfolgreich gegen Bohlens Werbung für Wiesenhof demonstriert wurde.